Das letzte Shangri-La ?!

Unsere Reise im September / Oktober 2007 beginnt eigentlich schon sechs Monate früher – mit dem Buchen der Reise via Email.

Anlässlich unseres diesjährigen 40. Geburtstages dachten Christin und ich, dass wir uns etwas Besonderes gönnen sollten und entschieden uns, eine Reise zu machen, die man nicht soo leicht wiederholen kann. Bhutan – das versteckte und kleine buddhistische Königreich im Himalaya – hatte es uns angetan. Anfang des Jahres entschieden wir uns für die Reise und marschierten in ein Reisebüro… Nun, ganz so einfach geht es doch nicht – die Reise kann man nur über das Bhutan Tourist Office in Thimphu, Bhutan buchen. Also im Internet die Adresse herausgefunden, via email Kontakt aufgenommen und in der Tat umgehend Antwort erhalten. Visas gibt es nur für Gruppenreisen, der Individual-Tourismus wird nicht erlaubt. Glücklicherweise ist die kleinste mögliche Reisegruppe 2 Personen – also ideal für uns. Die Reise ist allerdings nicht billig und Last-Minute-Schnäppchenjäger gehen garantiert leer aus: pro Tag und Person müssen 250,- USD abgedrückt werden, die Reise sollte mindestens 6 Monate im Voraus geplant werden. Bei dem Preis sind allerdings Unterkunft, Mahlzeiten, Transport und Führer inklusive. Kurz entschlossen und ohne genau zu wissen, was nun wirklich auf uns zukommt, haben wir spontan gebucht. Es kam eine Email mit einer Rechnung über einen etwas grösseren 4-stelligen USD-Betrag, zahlbar innerhalb weniger Tage auf ein Konto in den USA – damit wir 6 Monate später das begehrte Visa und einen Flug nach Paro (dem einzigen Flughafen in Bhutan) und somit dem einzigen Zugang ins Land bekommen. Mit gemischten Gefühlen überwies ich das Geld – und hörte in den kommenden 6 Wochen einfach NICHTS: keine Email, keine Bestätigung, einfach nur Stille :-o

Auf meine Nachfragen bekam ich keine Antwort und ich wurde langsam nervös. Dann haben wir eine Email an eine andere Adresse des Reisebüros gesandt und bekamen umgehend Antwort – jaja, das Geld sei da, die Flüge gebucht, die Visas für uns beantragt. Unser Sachbearbeiter sei auf einer Weiterbildung in Indien und deswegen hätten wir keine Antwort erhalten….. Puuh!

Ende September war es endlich soweit: Christin und ich flogen von Hong Kong nach Bangkog, übernachteten dort für 3 Stunden in einem kleinen Airport-Guesthouse und flogen am nächsten Morgen (4:30 Check-in – gääähn !) mit einem Direktflug von Druk (‘Drachen’) Royal Bhutan Airlines nach Paro. Wobei Direktflug heisst, dass wir in Kalkutta zwischenlandeten. Auch eine interessante Erfahrung, vor allem, wenn alle indischen Männer morgens um 7:30 ein erstes Amstel-Bier trinken, unverhohlen den hübschen Stewardessen nachgaffen und auch schon mal nach einem Whisky fragen. Die drei Jungs in der Reihe hinter uns hatten zu allem Überfluss ein Badezimmer schon länger nicht mehr von innen gesehen, geschweige denn benützt…brrrrh.

Der Anflug auf Paro war abenteuerlich, die Piste ist kurz, die Berge drum herum einigermassen hoch und der Pilot steuert um einen Hügel herum, durch einen Gemüsegarten und unter eine Wäscheleine hindurch und setzt dann schnell und zielsicher auf einer schmalen Betonpiste auf. Die Piloten hier müssen fliegen können – Start und Landung ist eh nur bei Tag und guter Sicht erlaubt. Und so fallen bisweilen schon mal Flüge aus…..

Das Flughafen-Gebäude ist zwar neu, sieht aber aus wie ein alter Dzong (Kloster-Festung). Die Männer tragen alle den Gho, der National-Dress, welcher aussieht wie ein Bademantel ohne Kapuze. Der Gho ist knielang, im Oberteil etwas gerafft, so dass sich eine Art Beutel vor der Brust bildet und besteht aus fein gewebten Stoffen. Die Ärmel haben hohe Stulpen, je heller die Farbe, desto höher der soziale Rang.

Vor dem Flughafengebäude erwartete uns unser Führer Mr Phub und der Fahrer Mr Nagem mit einem nagelneuen feuerroten Hyundai Tucson Diesel. Rein ins Auto und schon ging es los in die grosse Stadt Paro. Wobei gross etwas relativiert werden muss. Gross ist es nur für bhutanesische Verhältnisse. Es gibt keine Hochhäuser, keine U-Bahn, keine Ampeln und keine McDonalds. Glitzernde Shops, Prada, Gucci und Louis Vuitton?! Fehlanzeige. Gott sei Dank! Paro hat nur rund 10.000 Einwohner – und dies ist vermutlich schon recht grosszügig gerechnet. Erstaunlich ist zuallererst mal die Ruhe und die Unaufgeregtheit, mit der die Bhutanesen ihr Leben leben. Auf der Strasse liegen die streunenden Hunde und wärmen sich auf dem Asphalt. Kühe laufen gemächlich umher und man tritt eher in einen Kothaufen, als dass man einen Zebrastreifen findet. Überfahren wird kein Hund, da die Bhutanesen zu 90% gläubige Buddhisten sind und als solche jeder Gewalt abgeschworen haben. Die Crime-Rate im Land sind anscheinend sagenhafte 0%. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl und kommen uns wie in eine andere Welt katapultiert vor – gestern noch Hong Kong mit Trubel, Baulärm, Shopping Malls, Klimaanlagen, Starbucks und 7Eleven und ‘special sales offers’ überall – hier in Bhutan gibt es kein Fastfood, kein Internet (nur ganz vereinzelt in den ‘Städten’), keine Zugverbindung, keine Inlandsflüge, nur löchrige Strassen bzw einspurige Pisten. 80 % der Bevölkerung (die Angaben schwanken zwischen 600.000 und 1 Mio Menschen) leben mehr als 1 Stunde Fussmarsch von einer Strasse / Piste entfernt. Das Bhutanesische Fernsehen wurde erst 1999 gestartet und erreicht anscheinend nur rund 10 % der Bhutanesen. Ein glückliches Land…..

Vielleicht noch ein paar mehr Zahlen und Fakten, um das Land ‘greifbarer’ zu machen: Bhutan befindet sich – wenn man von Bangladesh aus nach Norden geht – am Fusse des Himalayas. Ost-West-Ausdehnung sind 350 km, Nord-Süd-Ausdehnung nur rund 150 km. Bedingt durch den Baustil der Häuser nennt man es auch die Schweiz Asiens. Im Norden ist Tibet der nächste Nachbar Bhutans, im Osten, Süden und Westen wird Bhutan von Indien bzw den Provinzen Sikkim, Assam und Mustang umfasst. Das Klima ist im flachländischen Süden subtropisch, im Norden ist dann Alpinzone mit über 7000 m hohen Bergen.

Weitere interessante Fakten: im Lande herrscht Matriarchat, d.h. die Frauen erben Grund und Boden, die Männer ziehen zu ihren Frauen und deren Familie. Frauen und Männer können bis zu 2 Partner haben, wobei das Thema Partnerwahl augenscheinlich von den Frauen ausgeht. Die Frauen sind sehr selbstbewusst und eigenständig, fahren Auto, haben Mobiltelefone (zumindest jene, die wir bisher in den Städten gesehen haben) und lesen auch aus Indien eingeführte ‘Cosmopolitan’ und ‘Elle’. Für den Strassenbau leistet sich Bhutan rund 50.000 indische Gastarbeiter, die nach alter Manier und von Hand Steine klopfend die Strassen durch die Hochgebirgstäler treiben. Etwas mehr als die Hälfte des Bruttosozialprodukts des Landes kommt von der Wasserkraft des einzigen grossen Staudamms, der Strom wird gewinnbringend nach Indien verkauft und finanziert den recht ausgedehnten Staatsapparat sowie die vielen staatlichen Projekte. Der König ist zwar offiziell Oberhaupt des Landes, allerdings soll im Jahre 2008 die Demokratie eingeführt werden. Der König übernimmt dann nur noch beratende und repräsentative Pflichten. Armut gibt es offiziell nicht, Schulen und Gesundheitswesen sind für alle Bhutanesen kostenlos. Die meisten Schulkinder lernen unter anderem auch Englisch, daher ist die Kommunikation im Land durchweg einfach.

Am Nachmittag des Tages sind wir nach Thimphu, der Hauptstadt mit rund 90.000 Einwohner, gefahren. Die Fahrt führt immer am Fluss entlang, an den Hügeln schmiegen sich kleine und grössere Bauernhöfe, auf Terrassen wird roter Reis angebaut und an den Strassen kann man vereinzelt Äpfel kaufen. In Barackensiedlungen sind die Inder untergebracht, die – wir sagten es schon – mit viel Handarbeit die Strassen bauen. Die Hänge sind bewaldet und man sieht viele grosse Zypressen, den Nationalbaum Bhuthans.

Ziemlich erschlagen kommen wir in Thimphu an und werden in ein neu gebautes Hotel gefahren und sind über die Sauberkeit sowie die geschmackvolle Zimmereinrichtung überrascht. Nach einem ausgiebigen Mittagessen übermannt uns die Müdigkeit, die frische Bergluft tut ein übriges und wir schlafen erst mal den Schlaf der Gerechten.

Der nächste Tag bringt ein ausgedehntes Sightseeing-Programm in der Hauptstadt: wir fangen in einer staatlichen Kunstschule an, wo Kinder bzw Jugendliche aus dem ganzen Land auf Staatskosten zu Kunsthandwerkern ausgebildet werden. Es gibt Klassen für Schnitzer, Blechschmiede, Skulpteure, Maler, Näher, Weber, Puppenmacher, Schuhmacher, etc. Die Ausbildung dauert je nach Fach mehrere Jahre und der so ausgebildete Künstler kann dann entweder als Angestellter die staatlichen Läden beliefern oder sich selbstständig machen.

Als nächstes besuchten wir ein Bauernhof-Museum und sahen einen typischen Hof von innen. Die Gebäude sind idR dreistöckig: im fensterlosen Erdgeschoss sind die Tiere untergebracht, im Mittelgeschoss sind die Vorräte und im Obergeschoss gibt es eine Küche mit – hust-hust-hust – einem kleinen Rauchloch, einem grösseren Familien-Schlafraum und einem schön dekorierten Gebets- und Altarraum. Badezimmer? Fehlanzeige. Mit etwas Glück gibt es im Garten ein holzverkleidetes Wasserbecken, in das im Feuer erhitzte Steine gestossen werden: Hot-tub auf bhutanesisch. Toilette ist ebenfalls im Freien.

Im Anschluss daran sahen wir ein Textil-Museum: sehr interessant, der Reichtum der Bhutanesen drückt sich in ihrer Web- und Stickkunst aus. Die Nationalkleidung – Kira für die Frau und Gho für den Mann kann locker mehrere hundert US-Dollar kosten – und somit schnell ein Jahresgehalt oder mehr ausmachen.

Natürlich schauten wir uns auch den bekanntesten Dzong in Thimphu an – photographieren ist im Inneren verboten – aber von den Erklärungen von Mr Phub zu den verschiedenen Buddha-Inkarnationen, den Deitis, den Boddhisvatas, Gurus, Tantras, Mudras und Mantren usw schwirren uns jetzt noch die Ohren….

Übrigens gibt es eine einfache Photographier-Etikette für Touristen: solange man Schuhe anhat, darf man knipsen, sobald man die Schuhe auszieht, macht man die Kamera aus. Und in Innenräumen zieht man regelmässg die Schuhe aus…

Am späten Nachmittag ging es wieder ins Hotel, rechtzeitig bevor ein kräftiger Regenschauer runterging.

Die folgenden Tage fuhren wir nach Punaka, sahen weitere beeindruckende Dzongs und durften einmal sogar in einem prunkvollen Altarraum etwas Yoga machen und meditieren. Die Atmosphäre ist unvergleichlich. Wir machten Spässe mit kleinen Mönchsschülern, spielten ein bischen Fussball mit einem Mönch und hörten dem Chanten eines einsamen Mönchs in einem dunklen Altarraum zu.

Übrigens gibt Bhutan einen Grossteil des Staatshaushaltes und ein vielfaches des Militärhaushaltes für den Aufbau, die Pflege und Dekoration seiner Klöster aus.

‘We bhutanese people are very peace-minded. We are devote buddhists and like more beautiful dzongs than weapons and military…’ erläuterte uns Mr Phub. Da sollten sich manche sogenannten ‘zivilisierten’ Länder ein Beispiel nehmen. Mr Bush, your call….

Von Punaka fuhren wir ein gutes Stück in Richtung Süden und sahen, wie sich die Vegetation änderte; die Subtropen kamen immer näher. Als wir die ersten Affen in den Bäumen sahen, kehrten wir wieder um. Am gleichen Nachmittag wanderten wir zu einem kleinen Dzong zu ehren des ‘divine mad-man’. Der Weg führte durch Reisfelder, an dreschenden Bauersfrauen und einer kleinen Stupa vorbei. Wir hörten die Geschichte dieses bemerkenswerten Heiligen und bekamen erklärt, warum zu dessen Ehren an manchen Häusern ein erigierter und ejakulierender Penis abgebildet ist.

Überall im Land sieht man Jugendliche mit Pfeil und Bogen, die sich im Nationalsport Bogenschiessen üben, Hunde dösen im Schatten und Kühe zupfen sich die besten Kräuter.

Auffallend ist der grosse Frieden im Land – man hört einfach kein Geschrei, kein Schimpfen, keine Flüche, selbst die Kinder scheinen sich nicht zu zanken :-o

Wenn es noch ein Shangri-La auf Erden gibt, dann vermutlich hier in Bhutan. Die Autofahrer hupen und winken sich zu, fahren zwar etwas chaotisch, nehmen aber doch Rücksicht. Fahrräder sind anscheinend verboten, zumindest sieht man keinen einzigen Drahtesel auf den Strassen; vielleicht ist es auch nur zu hügelig. Oder der ‘Bademantel’ ist zu ungeschickt zum Radfahren ?

Wir kommen uns selten gut erholt vor und haben keine Probleme, uns an lokale Gebräuche zu gewöhnen: 5 Uhr Nachmittagstee mit kleinen Keksen, Abends ein echtes bhutanesisches Weissbier ‘Red Panda’ und als Apero (wie die Schweizer sagen) einen guten bhutanesischen Whisky. Black Mountain Whisky heisst im Volksmund BMW und ist überraschend mild und lecker. Während die allgegenwärtigen studiosus-Reisegruppen (entsprechend dem Klischee frühpensionierte Oberstudienräte mit Durchschnittsalter 65) mit Immodium gegen eine eventuelle Dhiarroe ankämpfen, vertrauen wir auf die einheimischen Hausmittel und dem empfohlenen Whiskys :-)

Übrigens sind hauptsächlich 3 Arten von Touristen im Land: Amerikaner, Deutsche und Japaner: allesamt sind in Gruppen organisiert und werden in kleinen Bussen durch die Lande gekarrt. Generell empfinden wir das Vorgehen der bhutanesischen Regierung bzgl des Tourismus gar nicht soo verkehrt: es werden nur ältere und zahlungskräftige (bis vor 2 Jahren wurden Visas anscheinend nur Touristen älter als 50 Jahre zugeteilt) Touristen ins Land gelassen. Diese werden mit Fahrer und sehr gut ausgebildeten Guides versorgt, in ordentlichen Hotels untergebracht und bekommen vor allem die kulturellen und landschaftlichen Schönheiten des Landes zu sehen. Wer Nachtleben, Ramba-Zamba, Sextourismus oder Drogen will, ist in Bhutan definitiv falsch – und das soll auch so bleiben. Qualität statt Quantität heisst die selbstgewählte Devise. Der Tourismus ist am Wachsen, letztes Jahr (2006) waren 18.000 Touristen im Land, dieses Jahr (2007) sollen es 21.000 Touris werden.

Kurioserweise ist zwar das Rauchen offiziell im Land verboten, aber in den Hotelzimmer stehen Aschenbecher neben einem ‘no smoking’-Schild. Mit unserem Guide Mr Phub haben wir viele Gespräche und schneiden viele Themen an – es gibt kaum ein Thema, wozu er nichts weiss oder eine Meinung hat – sei es die neuen Parteien und die kommende Demokratie, zwingende Bluttests für heimkehrende Bhutanesen zur Eindämmung und Kontrolle von AIDS, dem scheinbaren Nicht-Vorhandensein von Homosexualität (…you don’t see it on the street, but you never know behind closed doors…), der Ausscheidungsrate von Mönchen aus dem Kloster (… oh, this happens sometimes, but then this is a big problem for the whole family…).

Als wir in Thimphu im Internet-Cafe unsere Emails checken, bekommen wir mit, wie sich die neue Generation von Bhutanesen auf die Zukunft vorbereiten: mit hotmail-Email Accounts, Skype, Videospielen, etc. Zwar ist die Verbindung noch langsam, aber die Moderne hält unaufhaltsam Einzug. Ob das wirklich gut ist, wird die Zeit zeigen….

Eine Woche geht schnell vorbei und wir haben viele Eindrücke gewonnen. Mehr Zeit wäre zwar schön gewesen, ist aber nicht unbedingt notwendig. Wir waren auf jeden Fall nach 2 Tagen schon so erholt, als wenn wir irgendwo 3 Wochen nur am Strand gelegen hätten (naja, ob das wirklich so erholsam ist, lassen wir mal dahingestellt). Auf dem Rückflug nach Hong Kong ‘mussten’ wir noch einen Stopover in Bangkok machen und gönnten uns zum akklimatisieren in die Zivilisation ein wenig Luxus: das Mandarin Oriental ist zweifelsfrei nicht die schlechteste Absteige und wir können es – den passenden Geldbeutel und Freude an kolonialer Pracht vorausgesetzt – uneingeschränkt empfehlen :-)