Auf der Suche nach Shangri-La…

… und um etwas Enspannung von den vergangenen Wochen mit zuviel Arbeit und zuviel Shanghai-Nieselpiss zu finden haben wir uns auf den Weg in die Yunnan-Provinz in den Südwesten Chinas gemacht. Christin und ich, zu zweit ganz allein, auf der Suche nach dem verschollenen Hochtal in den Bergen des Himalaya, welches ewigen Frühling, Gesundheit, Glück und Zufriedenheit verspricht. Jawoll, wir waren seit längerer Zeit mal wieder ohne Kinder (und ganz ohne schlechtes Gewissen ;-) unterwegs, nachdem wir Natalie und Patrick in der treusorgenden Obhut unserer Shao Wa gelassen haben.

Nach einigen Stunden Flug von Shanghai über Kunming nach Lijiang kamen wir auf rund 2400 m Höhe in einer anderen Welt an. Am Flughafen wartete schon ein Auto mit Fahrer auf uns und brachte uns nach einem kurzen Besuch in dem am Weg liegenden Jade-Dragon-Temple in unsere gebuchte Herberge ‘Banyan-Tree’.

Ob wir etwas gegen einen Upgrade in eine Garden-Villa (entspricht grössenmässig einem kleinen Häuschen mit eigenem Yacuzzi im Garten) hätten ?! Naja, sind wir mal nicht so und nehmen das Angebot dankend an. Raus aus den Klamotten, rein in den Pool waren eins – zur Krönung des Genusses haben wir uns noch eine Flasche Blubberwasser gegönnt – lecker!

Lijiang hat uns recht gut gefallen. Wir machten kleine Ausflüge in die Umgebung und wanderten durch einfaches Farmland mit erstaunlich sauberem Wasser. Die Menschen dort sind nicht arm und die Bautätigkeiten an den mit dicken Mauern umgebenen Bauerhöfen zeigen, dass der Tourismus einiges Geld in die Taschen der Familien spült. In diversen Gesprächen haben wir dann erfahren, dass in der Gegend die Frauen das Sagen haben und die Männer sich zwar im Teehaus bei Rauchen und Kartenspielen vergnügen, aber die Frauen mit ihrer Arbeitsleistung für den eigentlichen wirtschaftlichen Wohlstand sorgen.

Die Altstadt von Lijiang ist zwar Unesco-Weltkulturerbe und angenehmerweise eine autofreie Zone, dennoch haben Kommerz und Tourismus deutlichen Spuren hinterlassen. Cafe’s, Restaurants, Shops und kleine Guesthouses allenthalben, dazu chinesische Touristengruppen welche ihrem fähnchenschwingendem Guide nachlaufen. Viele ethnische Minoritäten zeigen ihre traditionellen Trachten und lassen sich auch gerne photographieren, allerdings fragen viele auch nach entsprechender Bezahlung. So bekommt das folkloristische Gepräge leider ein wenig ein ‘Geschmäckle’.

Nach zwei Tagen haben wir uns über die ‘Tiger Leaping Gorge’ auf den Weg nach Shangri-La gemacht. Den Ort gibt es tatsächlich und liegt in einem weiten Hochtal auf rund 3700 m Höhe. Die ‘Tiger Leaping Gorge’ ist eine Schlucht, die den typisch chinesischen Superlativen entsprechend die gleichzeitig engste, tiefste und längste Schlucht der Welt ist. Naja, so ganz wörtlich darf man das wohl nicht nehmen, aber es war schon beeindruckend, wie sich das Wasser den Weg durch die Berge gefräst hat. An der engsten Stelle soll einmal ein Tiger von einem Ufer ans andere Ufer gesprungen sein, aber diesen sogenannten Fakt würde ich eher im Reich der Fabeln und Mythen ansiedeln.

An der nach allgemeiner Aussage schönsten Stelle wurden wir für eine laut Reiseführer ’2-3 stündige und anstrengende, bei Regen sogar ausgesprochen gefährliche Wanderung’ abgesetzt. Nun ja, da wir zeitgleich mit ca 15 anderen grossen Reisebussen ankamen, war es in der Tat anstrengend – allerdings weniger wegen dem steilen und engen Weg sondern mehr wegen dem typisch chinesischen Touristengruppen-Geschrei und dem Gedränge und Geschubse rund um die typischen Photostellen. Und bei Regen sind die ausgetretenen Stufen auf dem eigentlich recht gut gesicherten Weg, welche mit einem Stahlgeflecht belegt sind, wirklich sehr rutschig und damit auch gefährlich. Naja, ich hatte mir eher eine einsame Wanderung durch ursprüngliche Wildnis vorgestellt, aber hätte es mir ja eigentlich denken können – wenn in China etwas als Touristenattraktion beworben wird, ist es Erstens gut erschlossen, Zweitens kostenpflichtig, Drittens garniert mit vielen Verkaufsbuden und siffigen Toiletten und Viertens vor allem mit Reisegruppen überlaufen.

Wenn Chinesen reisen, dann haben sie zwar Urlaub, aber keine Erholung. Eine Reise ist anstrengend und geht mit viel Gezeter und Geschrei ab – es geht schliesslich darum, in möglichst kurzer Zeit an möglichst vielen Orten möglichst viele Erinnerungsbilder zu schiessen – immer die Finger zum V-Zeichen gereckt. Erholen von dem Stress kann man sich ja wieder daheim :-)

Damit sich die Reisegruppen nicht verlieren, tragen alle die gleichen Baseball-Caps oder bekommen sogar die gleichen Windjacken oder Reisetaschen vom Reisebüro. Letzteres ist dann ein besonders guter Deal und freut die Reisenden.

Wir liessen den Trubel bald hinter uns (…nein danke, ich will nicht hochgetragen werden, brauche keinen Schuhputz und will auch keine kitschigen Andenken kaufen….) und fuhren weiter durch die immer kärger und trocken werdende Berglandschaft mit erstaunlich viel roter Erde. Sah ein wenig aus, als wenn das australische Outback zusammengefegt und hier an die Osthänge des Himalayas hingeschüttet worden ist. Da soll Shangri-La sein?!

Über einen Pass fuhren wir in ein weites Hochtal auf ca 3700 m Höhe, welches von Wolken verhangenen Bergen umrahmt ist. Hört sich jetzt romantisch an, war aber einfach nur grau und karg. Die Häuser haben dicke, nach oben sich verjüngende Mauern und obenauf ein flaches Schindeldach, welches durch dicke Steine verstärkt ist. Erinnerte uns ganz spontan an ein Schweizer Hochgebirgsdorf – nur eben braungrau statt grün. Es war kalt und leichte Schneeflocken trieben durch den Wind – es gibt schöneres Wetter :-(

Nach Aussage des Fahrers waren wir einfach zu früh dran – im Hochlandfrühling sei es dann sehr schön, mit blühenden Blumen und sattblauem Himmel … zefix, wenn wir das vorher gewusst hätten.

Unser Fahrer war mit der Heizung bzw Klimaanlage des Wagens etwas überfordert und so wechselte die Heizung auf Gebläsestufe 4 mit der Klimaanlage auf Kalt – Umluft und gleichzeitiger Zugluft durch die offenen Fenstern ab. Es half alles nichts, die Fenster waren und blieben beschlagen, so wischte der Fahrer eben verzweifelt mit Hand und Taschentüchern herum, während wir das Wechselbad der Temperaturen ‘genossen’.

Bald standen wir vor einem kleinen und sauberen Hotel und bezogen unser Zimmer. Bedingt durch die ungewohnte Höhe hatten wir einen leichten Druck im Kopf und einen leichten Schlaf. Sehr angenehm war übrigens die Heizdecke in unseren Betten – endlich hab ich ein gutes und praktisches Weihnachtsgeschenk gefunden ;-)

Als Abendessen gönnten wir uns einen typisch tibetischen Hot-Pot mit viel Gemüse und etwas getrocknetem Yak-Fleisch – da Letzteres ziemlich ranzig schmeckte und zäh war, haben wir es fein säuberlich aussortiert. Der Yakbutter-Tee dagegen hat uns wieder gut geschmeckt – leicht salzig und wohltuend wärmend.

In Shangri-La besuchten wir ein kleines Naxi-Dorf (wieder eine ethnische Minorität in der Gegend) und sahen ein ganz normales Bauernhaus von innen. Es gab zwar ein altersschwaches Telefon und einen Fernseher, der Rest des Haushaltes war aber nach alter Väter Sitte stromlos und nur schwach beleuchtet. Eine Überraschung war der Porsche-Kalender im Hausflur – inklusive der Bilder von PS-Boliden, die durch das schöne Oberschwaben im Frühling fahren. Der Hausaltar-Raum war eine weitere Überraschung – sauber, warm, reich dekoriert und repräsentativer Mittelpunkt des Hauses.

Danach besuchten wir eine weitere Attraktion: einen See, welcher allerdings gerade leider etwas trocken gefallen war. So durften wir auf einen Steg ca 20 m weit über die imaginäre Wasserfläche hinausgehen und das schöne Panorama photographieren ;-)

Der Höhepunkt war dann das lokale Kloster, welches dem tibetischen Buddhismus gewidmet ist. Wie in den Klöstern so üblich, darf kein Bild des Dalai Lamas gezeigt werden – der ja in China wegen seiner separatistischen Tendenzen geächtet ist. Die gewieften Mönche stellen einfach ein zweites Bild eines anderen Heiligen vor das dennoch vorhandene Bild ihres eigentlichen Oberhauptes und verbeugen sich weiterhin eifrig vor diesem – und machen dann augenzwinkernd die wenigen interessierten Touristen darauf aufmerksam.

Nach 5 Tagen ging unsere Kurzreise schon wieder zu Ende und wir flogen über Kunming zurück nach Shanghai. Unser Direktflug war wegen mangelnder Auslastung storniert worden, so dass wir in Kunming 2 Stunden auf einen Anschlussflug warten mussten. Als Ausgleich für die Ungemach und die Verzögerung bekamen wir ein leckeres Yunnan-style-Mittagessen im Flughafen spendiert. Und bevor wir uns versahen, waren wir wieder zurück bei unseren Lieben in Shanghai….