Anlässlich meines Geburtstages schenkte mir Christin einen Kurztrip nach Indien, um einige Orte zu besuchen, welche wir auf früheren Reisen noch nicht gesehen hatten.
Christin war auf Biztrip in Bangladesh und Indien, ich flog aus Shanghai für eine Woche hinterher und wir trafen uns in Delhi. Nach 18 Jahren kam ich das erste Mal wieder nach Indien und war schon sehr gespannt auf die Veränderungen im Land. New Delhi hatte sich m.E. stark verändert: es gab deutlich mehr und neuere Autos, eine U-Bahn, die Busse waren moderner und die Häuser nicht mehr so herunter gekommen. Am Sonntag machten wir einen Ausflug nach Old Delhi, hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein und es fühlte sich alles wieder sehr vertraut an. Das scheinbare Chaos auf den Strassen, der Dreck, die Gerüche, das Hupkonzert, die Armut der Bettler – ganz wie ich es noch vor 18 Jahren in Erinnerung hatte. Aber über allem schwebte eine Leichtigkeit des Seins, ein Leben und Leben lassen, eine Würde und auch Anmut, die für mich den Reiz Indiens ausmacht: bunt, laut mit feinen Zwischentönen, manchmal herausfordernd und auch ein wenig abstossend, aber niemals langweilig, immer erträglich und – zumindest für mich – liebenswert.

Danach flogen wir nach Varanasi – die heilige Stadt am Ganges. An den Ufern des Ganges zu sterben – so heisst es und glauben die Hindus – würde den ewig währenden Zyklus von Leben, Tod und Wiedergeburt durchbrechen. Auch das Bad im Ganges solle zumindest die Sünden reinwaschen und das Karma deutlich verbessern. Das wollten wir uns anschauen, das muss man doch gesehen haben. Um es kurz zu machen: Varanasi lässt sich mit 2 Worten umschreiben: HOLY SHIT!

Wir haben nun schon einiges gesehen und sind auch schon durch viele Gegenden der Welt gereist, aber so dreckig und verkommen haben wir bisher noch keine Stadt erlebt. 3 Millionen Einwohner drängen sich auf engstem Raum, der Verkehr ist selbst für indische Verhältnisse mörderisch und überall ist Dreck, Staub, Müll, Sch***, es müffelt, es mieft und überhaupt ein Bombardement für die Sinne. Wir waren ziemlich froh, dass wir uns in einem der besten Hotel einquartiert hatten und abends nach einer ordentlichen Dusche in ein schönes, sauberes Bett schlüpfen konnten. Dennoch genossen wir eine Fahrt mit einem Ruderboot bei Sonnenaufgang auf dem Ganges, das Abendessen auf einer Dachterrasse über dem Treiben, das Schlendern durch die engen Gassen, das leckere Essen und den süssen, heissen Chai.

An meinem Geburtstag flogen wir dann weiter nach Khajuraho und besichtigten ein weiteres Welt-Kultur-Erbe: die erotischen Tempel. Bemerkenswert ist, dass die Tempel rund 1000 Jahre alt sind und offenbar mit die schönsten Steinschnitzerein aller Tempelanlagen weltweit haben. Entstanden sind die Tempel zu einer Zeit, als in Europa das tiefste Mittelalter herrschte und Hexen verbrannt wurden. Da wurden in Indien über einen Zeitraum von 100 Jahren rund 85 Tempel erschaffen, die neben einer Vielzahl von spirituellen Figuren auch das pralle, satte Leben darstellen und verherrlichen – eben die erotischen Figuren und Darstellungen von besonders weiblichen Frauen (Apsaras) sowie Paare beim Liebesakt. Das Ganze macht nur rund 5 – 10 % der Figuren aus und ist auch keineswegs pornographisch, sondern vielmehr sehr ästhetisch und lebensbejahend.

Khajuraho selber ist nur ein kleines Dorf mit rund 10 tsd Einwohner und im krassen Gegensatz zu Varanasi sehr gepflegt, sauber und ruhig. So gefällt einem Indien!
Und bevor wir es uns versahen, war die Woche vorbei und wir mussten wieder in den Flieger gen Delhi und dann morgens um 3:20 Uhr (*ächz*) nach Shanghai.
Aber wir waren ja noch nicht das letzte Mal im Land des Yoga, der Farben, des Feuerwerks für die Sinne.